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Aktualisiert am 12. Oktober 2026

Übergriffe im Außendienst: Dienstunfall und Vorsorge für Gerichtsvollzieherinnen und Gerichtsvollzieher

Wann ein Angriff im Außendienst als Dienstunfall gilt, welche Fristen laufen, was die Unfallfürsorge zahlt und wo private Vorsorge Lücken schließt.

Gerichtsvollzieherinnen und Gerichtsvollzieher stehen bei Pfändungen und Räumungen oft Menschen gegenüber, die sie nicht hereinbitten wollen. Das Strafrecht schützt sie wie andere Vollstreckungsbeamte vor Widerstand und tätlichen Angriffen (§§ 113, 114 StGB), und die Zivilprozessordnung erlaubt ihnen, vorab bei der Polizei eine Gefahreneinschätzung einzuholen (§ 757a ZPO).

Kommt es trotzdem zu einem Übergriff, greift die Unfallfürsorge des Landes. Dieser Beitrag erklärt, wann ein Angriff als Dienstunfall gilt, welche Fristen laufen, was das Land zahlt und wo private Vorsorge Lücken schließt. Weil Gerichtsvollzieher Landesbeamte sind, gilt das Versorgungsrecht ihres Landes; die Beispiele stammen aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen.

Auf einen Blick

  • Auch außerhalb des Dienstes sind Sie bei einem Angriff wegen Ihrer Amtsführung wie bei einem Dienstunfall geschützt.
  • Melden Sie jeden Vorfall schriftlich: in NRW und Bayern binnen zwei Jahren, in Sachsen binnen zwölf Monaten.
  • Nach einem rechtswidrigen Angriff mit schweren Folgen gibt es ein erhöhtes Unfallruhegehalt.
  • Zahlt der Täter kein Schmerzensgeld, kann der Dienstherr einspringen; die Antragsfristen sind kurz.
  • Private Unfallversicherungen schließen krankhafte psychische Reaktionen auf einen Unfall nach den Musterbedingungen aus.

Vor dem Einsatz: Gefahr abfragen, Polizei hinzuziehen

Seit dem 1. Januar 2022 können Gerichtsvollzieher die Polizei fragen, ob bei einer Vollstreckungshandlung nach polizeilicher Einschätzung eine Gefahr für Leib oder Leben besteht, und um Unterstützung bitten. Ohne vorherige Anfrage geht das, wenn tatsächliche Anhaltspunkte für eine Gefahr vorliegen oder sie sich aus der Art der Vollstreckung ergibt (§ 757a ZPO). Findet der Gerichtsvollzieher Widerstand, darf er Gewalt anwenden und die Polizei hinzuziehen (§ 758 Abs. 3 ZPO).

Die Bundesregierung hatte das Gesetz damit begründet, dass Gerichtsvollzieher wiederholt angegriffen und erheblich, zum Teil tödlich, verletzt worden waren, obwohl die Polizei die Gefahr oft vorher kannte (BT-Drucksache 19/27636). Halten Sie Drohungen schon vor dem Termin schriftlich fest; das hilft später auch, einen Dienstunfall nachzuweisen.

Wann ein Übergriff ein Dienstunfall ist

Ein Dienstunfall ist ein auf äußerer Einwirkung beruhendes, plötzliches, örtlich und zeitlich bestimmbares Ereignis, das einen Körperschaden verursacht und in Ausübung oder infolge des Dienstes eintritt (§ 36 Abs. 1 LBeamtVG NRW, Art. 46 Abs. 1 BayBeamtVG). Ein Schlag oder Stoß bei einer Pfändung, der Sie verletzt, erfüllt diese Merkmale in aller Regel.

Für Gerichtsvollzieher wichtig: Geschützt sind Sie auch, wenn Sie außerhalb des Dienstes wegen Ihres pflichtgemäßen dienstlichen Verhaltens oder wegen Ihrer Eigenschaft als Beamter angegriffen werden. Der Körperschaden steht dann einem Dienstunfall gleich (§ 36 Abs. 4 LBeamtVG NRW, § 33 Abs. 4 SächsBeamtVG); in Bayern gilt ein solcher tätlicher Angriff selbst als Dienstunfall (Art. 46 Abs. 4 BayBeamtVG).

Auch psychische Folgen können anerkannt werden: Körperschaden ist nach dem Bundesverwaltungsgericht jede nicht nur geringfügige Verletzung der körperlichen oder seelischen Integrität. Bei einem Angriff außerhalb des Dienstes verlangt das Gericht aber, dass der Beamte objektiv in eine Gefährdungslage geriet und der Angriff wesentliche Ursache des Schadens ist (Urteil vom 29. Oktober 2009, 2 C 134.07).

Nach dem Vorfall: melden, dokumentieren, anzeigen

Was Sie in den Tagen nach einem Übergriff tun, entscheidet oft darüber, ob und wie viel das Land später zahlt:

  • Melden Sie den Unfall schriftlich Ihrem Dienstvorgesetzten. In Nordrhein-Westfalen und Bayern gilt dafür eine Ausschlussfrist von zwei Jahren, in Sachsen von zwölf Monaten; danach gibt es Unfallfürsorge nur innerhalb von zehn Jahren und nur, wenn Sie mit den Folgen nicht rechnen konnten oder an der Meldung gehindert waren (§ 54 LBeamtVG NRW, Art. 47 BayBeamtVG, § 50 SächsBeamtVG).
  • Lassen Sie Verletzungen sofort ärztlich dokumentieren, auch scheinbar harmlose, und halten Sie Zeugen, Uhrzeit und Ablauf schriftlich fest.
  • Beantragen Sie Ersatz für beschädigte Brillen, Kleidung oder Geräte rechtzeitig. In Bayern gelten dafür drei Monate, und ersetzt werden können auch Sachen, die ein Täter Ihnen oder Ihrer Familie wegen Ihrer Amtsführung beschädigt (Art. 98 BayBG); in Sachsen gilt die Zwölfmonatsfrist auch für den Sachschadenersatz nach einem Dienstunfall.
  • Erstatten Sie Strafanzeige. Eine einfache Körperverletzung wird grundsätzlich nur auf Antrag verfolgt, der binnen drei Monaten ab Kenntnis von Tat und Täter gestellt werden muss (§ 77b StGB); bei Taten gegen Amtsträger im Dienst kann ihn auch der Dienstvorgesetzte stellen (§ 230 Abs. 2 StGB).
  • Sichern Sie Ihr Büro: Sind Sie verhindert, verfügen die bestimmten Kontobevollmächtigten über das Dienstkonto, und die Dienstbehörde regelt die Vertretung (§§ 6, 52 GVO).

Was die Unfallfürsorge leistet

Nach einem anerkannten Dienstunfall trägt das Land die Kosten des Heilverfahrens; in Nordrhein-Westfalen umfasst es ausdrücklich auch psychotherapeutische Behandlung (§ 39 LBeamtVG NRW). Bestehen die Unfallfolgen länger als sechs Monate mit einem Grad von mindestens 25, gibt es neben der Besoldung einen monatlichen Unfallausgleich (§ 41 LBeamtVG NRW); in Bayern liegt er je nach Minderung der Erwerbsfähigkeit zwischen 181,26 € bei 30 % und 1.000,22 € bei 100 % (Art. 52 BayBeamtVG).

Werden Sie infolge des Dienstunfalls dienstunfähig, erhalten Sie Unfallruhegehalt, in Nordrhein-Westfalen mindestens 66 2/3 % und höchstens 75 % der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge (§ 42 LBeamtVG NRW). Welche Lücke sonst bei Dienstunfähigkeit entsteht, erklärt der Beitrag zur Dienstunfähigkeitslücke.

Nach einem rechtswidrigen Angriff im Dienst steigt das Unfallruhegehalt auf 80 % der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge aus der Endstufe der übernächsten Besoldungsgruppe, wenn Sie dauernd dienstunfähig werden und die Unfallfolgen mit mindestens 50 bewertet werden (§ 43 LBeamtVG NRW; ähnlich Art. 54 BayBeamtVG, § 40 SächsBeamtVG). Hinzu kommt eine einmalige Unfallentschädigung: 150.000 € in Nordrhein-Westfalen und Sachsen, in Bayern je nach Minderung der Erwerbsfähigkeit 90.000 € bis 180.000 € (§ 51 LBeamtVG NRW, § 47 SächsBeamtVG, Art. 62 BayBeamtVG).

Schmerzensgeld, wenn der Täter nicht zahlen kann

Schmerzensgeld schuldet der Täter, nicht der Dienstherr. Ist beim Täter nichts zu holen, übernehmen die meisten Länder auf Antrag einen gerichtlich festgestellten Anspruch, allerdings mit unterschiedlichen Voraussetzungen:

  • Nordrhein-Westfalen: nach rechtskräftigem Urteil oder Vergleich, wenn nach einem Vollstreckungsversuch noch mindestens 250 € offen sind und eine unbillige Härte vorliegt; Antrag binnen zwei Jahren. Ist der Täter schuldunfähig, entscheidet eine Ombudsstelle über eine eigene Entschädigung (§ 82a LBG NRW).
  • Bayern: nach einem tätlichen rechtswidrigen Angriff, insbesondere wenn die Vollstreckung über mindestens 500 € erfolglos blieb; Antrag binnen zwei Jahren nach Rechtskraft (Art. 97 BayBG).
  • Sachsen: nach einem rechtswidrigen Angriff mit Vollstreckungstitel, ohne Mindestbetrag und ohne vorherigen Vollstreckungsversuch, aber mit einer Antragsfrist von einem Jahr ab Rechtskraft (§ 81a SächsBG).

Was im Gerichtsvollzieherdienst dazukommt

Ein längerer Ausfall trifft Gerichtsvollzieher härter als andere Beamte. Die Besoldung läuft weiter, der gebührenabhängige Teil des Einkommens aber nicht: In Sachsen etwa wird die Vollstreckungsvergütung nur bei einem mutterschutzrechtlichen Beschäftigungsverbot weitergezahlt (§ 2 Abs. 3 SächsVVergVO). Büromiete und Gehälter laufen weiter; wie Bürokosten während einer Verhinderung ersetzt werden, regelt jedes Land selbst.

Nordrhein-Westfalen ersetzt nach einem Dienstunfall durch einen rechtswidrigen Angriff, im Dienst oder wegen Ihres Amtes, auf Antrag bis zu sechs Monate lang die laufenden notwendigen Kosten des Büros; Abschläge sind schon vor der Anerkennung als Dienstunfall möglich. Bei anderen Verhinderungen von mehr als zwei Wochen ist der Ersatz eine Kann-Leistung, soweit die Vergütung der letzten vier Monate die Kosten nicht deckt (§ 4 GVVergVO NRW).

Für die Versorgung gibt es in Sachsen eine Schutzregel: Die Vollstreckungsvergütung zählt bis zu 10 % des Endgrundgehalts zum Ruhegehalt, wenn Sie zehn Jahre ausschließlich im Außendienst waren. Werden Sie vorher dienstunfähig, gilt diese Frist als erfüllt, wenn Sie sie bis zur Altersgrenze hätten erreichen können; Ähnliches gilt, wenn Sie nach einer im Dienst erlittenen Beschädigung in eine andere Verwendung wechseln (§ 7 SächsVVergVO).

Private Vorsorge: was sie leisten muss

Eine private Unfallversicherung gilt rund um die Uhr und zahlt bei dauerhafter Invalidität, unabhängig davon, ob ein Dienstunfall anerkannt wird. Nach den Musterbedingungen der Versicherungswirtschaft muss die Invalidität binnen 15 Monaten eintreten, ärztlich festgestellt und geltend gemacht werden, und krankhafte Störungen infolge psychischer Reaktionen sind ausgeschlossen, ausdrücklich auch Angstzustände des Opfers einer Straftat (AUB 2020, Ziffern 2.1 und 5.2.6). Prüfen Sie, ob ein Tarif hier weiter geht.

Gegen den Einkommensverlust bei dauerhafter Dienstunfähigkeit hilft eine Dienstunfähigkeitsversicherung; sie leistet nach den vereinbarten Bedingungen grundsätzlich unabhängig von der Ursache. Berücksichtigen Sie bei der Höhe den Gebührenanteil, der bei Dienstunfähigkeit wegfällt.

Für Erkrankungen ohne Dienstunfallbezug bleibt es bei Beihilfe und privater Krankenversicherung. Beamtenberatung24 bespricht mit Ihnen telefonisch, bundesweit in allen 16 Ländern, wie Krankenversicherung, Dienstunfähigkeits- und Unfallschutz zusammenpassen.

Häufige Fragen

Ich wurde nach Dienstschluss vor meiner Wohnung von einem Schuldner angegriffen. Ist das ein Dienstunfall?

Wenn der Angriff Ihrer dienstlichen Tätigkeit oder Ihrer Eigenschaft als Beamter galt, ja: Der Körperschaden steht einem Dienstunfall gleich (§ 36 Abs. 4 LBeamtVG NRW, § 33 Abs. 4 SächsBeamtVG, Art. 46 Abs. 4 BayBeamtVG). Halten Sie fest, woran Sie den Täter erkannt haben und was er gesagt hat, denn der Zusammenhang mit Ihrem Amt muss sich belegen lassen.

Ist eine Bedrohung ohne Verletzung ein Dienstunfall?

Ein Dienstunfall setzt einen Körperschaden voraus, wozu auch eine psychische Erkrankung gehören kann. Bei einem Angriff außerhalb des Dienstes verlangt das Bundesverwaltungsgericht, dass Sie objektiv in Gefahr gerieten (2 C 134.07). Lassen Sie Beschwerden nach einer Bedrohung ärztlich abklären und melden Sie den Vorfall fristgerecht.

Wie komme ich an Schmerzensgeld, wenn der Täter nichts zahlt?

Zuerst brauchen Sie einen Titel. Den Anspruch können Sie schon im Strafverfahren geltend machen; die Entscheidung steht einem Zivilurteil gleich (§§ 403, 406 StPO). In Nordrhein-Westfalen kann das Land die Kosten einer eigenen Klage mit einem Vorschuss oder zinslosen Darlehen vorstrecken. Bleibt die Vollstreckung erfolglos, beantragen Sie die Übernahme durch den Dienstherrn innerhalb der Frist Ihres Landes; in Sachsen läuft sie schon ab Rechtskraft, ein Vollstreckungsversuch ist dort nicht nötig.

Bekomme ich während einer längeren Krankheit nach dem Angriff meinen Gebührenanteil weiter?

Die Besoldung läuft weiter, der gebührenabhängige Teil in der Regel nicht, weil er an die eigene Tätigkeit anknüpft; in Sachsen wird die Vollstreckungsvergütung nur bei einem mutterschutzrechtlichen Beschäftigungsverbot weitergezahlt. Für die laufenden Bürokosten gibt es in Nordrhein-Westfalen nach einem Angriff auf Antrag bis zu sechs Monate Ersatz (§ 4 Abs. 4 GVVergVO NRW); in anderen Ländern fragen Sie Ihre Dienstbehörde.

Zahlt meine private Unfallversicherung bei einer Traumafolgestörung?

Nach den Musterbedingungen nicht: Krankhafte Störungen infolge psychischer Reaktionen sind ausgeschlossen, auch wenn ein Unfall sie ausgelöst hat (AUB 2020, Ziffer 5.2.6). Im Dienstunfallrecht können psychische Schäden dagegen anerkannt werden, und eine Dienstunfähigkeitsversicherung fragt grundsätzlich nicht nach der Ursache.

Wer bezahlt die Behandlung nach dem Angriff?

Wird der Dienstunfall anerkannt, trägt das Land die notwendigen Kosten im Heilverfahren, in Nordrhein-Westfalen ausdrücklich auch eine Psychotherapie (§ 39 LBeamtVG NRW). Melden Sie den Unfall deshalb auch dann, wenn Sie zunächst nur wenige Tage ausfallen. Für Behandlungen, die nicht auf dem Dienstunfall beruhen, bleiben Beihilfe und private Krankenversicherung zuständig; für die Unfallfolgen zahlt die private Krankenversicherung nach den Musterbedingungen nur, was trotz der Unfallfürsorge notwendig bleibt (§ 5 Abs. 3 MB/KK).

Quellen und Stand

Stand: Oktober 2026. Maßgeblich sind die jeweils gültigen Vorschriften.